KASSANDRA ODER DIE WELT ALS ENDE DER VORSTELLUNG

uraufführung am schauspielhaus wien

1. 4. 2010

regie: felicitas brucker

schauspielhaus.at

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auszug:

SIN PAPELES/ Hunderte verschiedene Geschichten oder doch die gleichen?

 
Da ist die Geschichte eines Kameruners, der in der Sahara unter einem Akazienbaum verdurstet, die keiner erzählt.

Das ist die Geschichte eines spanischen Fischers, der uns den Unterschied zwischen einer Patera und einem Cayuco erzählen könnte. Das eine Boot ist aus Holz und klein und das andere aus Stahl und größer. Auf das erste passen 50, auf das andere vielleicht 300 Menschen. Das erste ist definitiv nicht hochseetauglich und auch auf letzterem würde er niemals 900 Kilometer zurücklegen wollen.

Da ist die Geschichte einer Frau aus Guinea-Bissau, die auf einer Patera auf halber Strecke nach Fuerteventura ihr Kind bekommen hat.

Da ist die Geschichte eines inzwischen zwanzigjährigen, marokkanischen Jungen, der sieben Mal mit der Patera auf den Kanarischen Inseln angekommen ist, weil er sechs Mal zurückgeschickt wurde. Einmal ist das Boot kurz vor der Küste abgesunken. Er hat als einziger überlebt. Ansonsten wissen wir nichts über ihn.

Da ist die Geschichte von Babe, einem hübschen Jungen aus dem Senegal, der mit fünfzehn eine Woche auf dem Boot nach Teneriffa verbracht hat, dort eine kurze Zeit in einem Lager war, Papiere bekommen hat, aufs Festland ausgeflogen wurde und nun eine Ausbildung zum Caterer machen darf. Mehr hat er nicht erzählt.

Da ist die Geschichte einer Frau aus Kamerun, die ihr Studium abgebrochen hat, ihrem Mann nach Spanien nachgereist ist, immer noch geschlagen wird, sich einer Organisation anvertraut hat und sich nun von ihrem Mann trennen möchte. Was sie hier arbeitet, möchte sie uns nicht erzählen. Man würde, dort, wo sie herkommt, sowieso nicht über sich sprechen, höchstens über die anderen. Sie sagt uns aber: Ich bin in Europa zwar weniger wert als Mensch, aber mehr als Frau.

Da ist die Geschichte eines Mannes aus Elfenbeinküste, der während der Überfahrt an die Patera gefesselt werden musste, weil er sonst auf Grund von Dehydration und damit einhergehender geistiger Verwirrung ins Meer gesprungen und ertrunken wäre, der dann Wundbrand bekommen hat und dem man nun einen Arm amputieren musste. Immerhin könne er noch gehen, erzählt er weiter, einem Mann aus Mali, der auf einer anderen Patera, wenige Tage nach ihm, auf Teneriffa angekommen sei, hätten sie beide Füße amputieren müssen, weil er während der ganzen Fahrt in einer giftigen Brühe aus Dieselöl und Salzwasser gestanden sei.

Da ist die Geschichte von Eli, einem senegalesischen Schauspieler mit Augenkrankheit, der vor fünf Jahren mit einem Visum nach Europa gekommen ist, nun in einer blinden Theatergruppe spielt, die sich „Die Elf“ nennt und als Sozialarbeiter Grundschüler in Valencia über Menschen mit Migrationshintergrund aufklärt. Das erste, was die Schüler wissen wollen, ist, ob sich die dunkle Hautfarbe abwaschen lässt. Er kennt die meisten Senegalesen, die hier am Strand bei Sonnenuntergang DVDs, Taschen und Uhren verkaufen. Er, der das Privileg hatte, mit dem Flugzeug zu kommen, er, der Papiere und eine anerkannte Arbeit hat, er, der seine Augen bald einer weiteren Operation unterziehen wird, er kennt sie alle, die Geschichten, die wir so dringend hören wollen. Aber mehr möchte er nur gegen einen Stundenlohn von 50 Euro erzählen.

Da ist die Geschichte einer schwangeren senegalesischen Frau mit einem zweijährigen Kind, die an der Strandpromenade Zöpfe flechtet und uns nicht versteht.

Da ist die Geschichte von eines Mannes aus Burkina Faso, der während der Sommermonate in Lleida Pfirsiche und Birnen erntet, dessen Bruder im vorigen Jahr auf der Fahrt nach Fuerteventura ertrunken ist und der in Malaga monatelang auf ihn gewartet hat. Diese Geschichte ist doch da, oder?

Da ist die Geschichte eines baskischen Wasserhundes, der in Bilbao bei schönem Wetter aus dem Fenster gesprungen ist, die wir an dieser Stelle nicht erzählen werden.

Da ist die Geschichte von Folu, einem Anfang zwanzigjährigen senegalesischen Fischer, dessen Fahrt nach Europa problemlos war und sechs Tage gedauert hat und der nun nicht mehr aufs Meer hinaus fahren darf, da er, wie alle anderen auch, die hier den Touristen gefälschte Marken-T-Shirts verkaufen, keine Arbeitserlaubnis hat. Während er davon erzählt, nähern sich zwei Polizisten, was sich der Gruppe Senegalesen schnell mitteilt. Rasch werden die Waren zusammenpackt, man eilt davon, versteckt sich und wartet, bis die Luft wieder rein ist, um an der gleichen Stelle oder woanders sein Tuch wieder aufzufalten.

Da ist die Geschichte von Murfal, einem fünfundzwanzigjährigen Senegalesen, der auch mit dem Boot gekommen ist, mit Babe und sechs anderen in einem kleinen Appartement wohnt, der nur im Sommer als Strandverkäufer arbeitet, ansonsten in Madrid wohnt, dort Freunde und Arbeit hat, sich selbst als jemanden bezeichnet, der keine Probleme habe, dem es gut gehe, weil ihm eine Organisation sehr geholfen habe. Es kämen nur wenige, bis gar keine afrikanische Frauen nach Europa. Die Männer seien diejenigen, die von zuhause weg gingen. Die wenigen Frauen, die hier säßen, hundert Meter weiter, und Zöpfe flechten, würden niemals reden, ihre Kultur würde ihnen das verbieten. Wir versuchen ihn dreimal tagsüber zu treffen, um seine Geschichte aufzuschreiben. Er sagt jedes Mal ab.

Da ist die Geschichte von … , einer dunkelhäutigen Frau, die sich, zusammen mit drei anderen Afrikanerinnen, in einem Häusereingang nahe der Autobahn schminkt, unerzählt.

Da ist die Geschichte von Omar aus Dakar, der zwanzig Brüder und Schwestern von drei Müttern und einem Vater hat, der ein Jahr gespart hat, um auf einer Patera von Mauretanien nach Gran Canaria zu kommen, der zwei von seinen Brüdern, die bereits in Spanien waren, nicht geglaubt hat, dass es gefährlich sei, außerdem keine Arbeit gebe und er besser zu hause bleiben solle, der schließlich alle unheilvollen Warnungen in den Wind geschlagen und eher dem Fernsehen Glauben geschenkt hat, als von seinem Vorhaben abzulassen. Eigentlich habe er mit vier Tagen gerechnet, nach fünf Tagen sei jemand aus Mali neben ihm tot zusammengebrochen, während er sein Schicksal in den restlichen zwei Tagen ohne Essen und Trinken in Allahs Hände gelegt hat und nur noch gebetet hat anzukommen. 

Da ist die Geschichte eines Restaurantbesitzers aus Barcelona, der drei papierlose Afrikaner ein Jahr lang beschäftigt, ihnen faire Löhne, Weihnachtsgeld und eine Unterkunft bezahlt habe, der erwischt worden wäre, nun eine Strafe von 20.000 Euro begleichen und das Restaurant folglich aufgeben müsse.

Da ist die Geschichte eines Autors, der nach der Wahrheit sucht und die Geschichten der papierlosen Afrikaner dokumentieren möchte, der dringend alle Geschichten auflesen möchte, weil sie herumliegen, wie der buchstäbliche Sand am Meer, der in Begleitung seiner Übersetzerin schwitzend und mit puterrotem Kopf den Strand rauf und runter läuft, der hofft, tagebuchartige Protokolle, um nicht zu sagen, unveröffentlichte innere Monologe der Flüchtlinge abschreiben zu können, der dann jene lebensgefährlichen Reisen sämtlich kund tun möchte, Reisen, die von Hoffnung handeln, von trügerischen Verheißungen, von der Unmöglichkeit, die Meere einzumauern, von trockenen Kehlen, leeren Mägen, gefalteten Händen und prallen Sternenhimmeln, von halsbrecherischen Wellengängen und vagen Aussichten, vom Nicht-Wissen, vom Ungewissen, vom Untergehen, vom Glauben, vom Sterbenkönnen und vom Lebenwollen.

 


( Aufführungsrechte: Verlag der Autoren)







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Niederlagen

Niederlagen wollen eingesteckt sein
Niederlagen wollen versteckt sein
Niederlagen essen mit dem Besteck
Der Sieger; Sieger wollen gut bestückt sein
Niederlagen essen gar nichts
Niederlagen wollen im Keim ersticken
Niederlagen wollen vollstreckt sein
Niederlagen wollen kurze Beine haben
Niederlagen wollen keine Weile haben
Niederlagen werden die letzten sein
Sieger wollen wieder fliegen
Sieger werden nieder liegen
Sieger kennt wer nieder lag
Sieger kennt Entscheidungsschlag
Sieger lacht zuletzt am Tag
Nieder streckt die Nacht den Sieger
Sieger isst Tafelspitz
Niederlagen sind Mumpitz

(aus: LEHM LÜCKE KLASSENBESTER, Gedichte 1986-1999)

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Pfau du Stolz





Langeweile 2009





Bei der Arbeit wird gesungen


(aus: ANNA UND KEIN GRAMM MEHR, Gedichte und Lieder 1978-1985)